Vorstandsreise nach Wischgorod, Bila Zerkwa und Skwira
Auch in diesem Frühjahr waren wir mit Gasteltern in Wischgorod. Außer unseren Vorstandsmitgliedern Gisela Steinbach, Hein Geitz und Helmut Willnat waren drei Personen einer Gastfamilie dabei. Diese Drei haben aber bereits langjährige Freundschaften in Kiew und im Kreis Wischgorod, so dass sie ständig von diesen Familien betreut waren.
Wir anderen nahmen in der Ukraine die Aufgaben wahr, die bei jedem Besuch anstehen, das sind die Gespräche mit unseren Partnern zur Nach- bzw. Vorbereitung der verschiedenen Aktivitäten sowie Besuche bei Familien und „Medikamentenkindern“.
Wir wohnten wieder im Gästehaus des örtlichen Wasserkraftwerks, das eine angenehme und ortsnahe Unterkunft darstellt. Das Haus ist kein Hotel und darum gibt es dort kein Essen, außer man macht es sich selbst in der zur Verfügung stehenden Küche. Das klingt sehr nüchtern, aber wir können es gar nicht besser haben, denn die Frauen unseres Partnervereins „Bereginja“ in Wischgorod lassen diese Gelegenheit nicht vorbei gehen, uns mit typisch ukrainischem Frühstück zu verwöhnen. Sie haben aber inzwischen akzeptiert, dass wir Deutschen uns nicht so vollständig umstellen können. Wir „dürfen“ uns inzwischen selbst solche Nahrungs“zusätze“ wie Marmelade, Quark und Honig mit auf den Tisch stellen. Dennoch sind solche Köstlichkeiten wie Cyrniki oder spezielles herzhaftes Gebäck und herzhafte Torten sowie die typisch ukrainischen Salate immer dabei und machen das Frühstück zum Erlebnis.
Sobald wir unsere Herberge „Usmorja“ am Kiewer Meer verließen und durch Wischgorod gingen oder fuhren, fiel uns eine sehr rege Renovierungsaktivität an vielen Stellen der Stadt auf. Wischgorod putzt sich heraus, und das richtig! Der Grund ist, dass dort in diesem Sommer das „F1H2O“ auf dem Kiewer Meer veranstaltet wird, ein Speed-Boot-Rennen „Formel 1 auf dem Wasser“. Solche Ereignisse sind immer eine gute Gelegenheit, optische Verbesserungen in der Stadt durchzuführen, die dann natürlich auch bleiben. Die Stadt gewinnt wirklich dadurch und wir stellen fest, dass sich dies auch auf die Stimmung der Menschen und den Umgang miteinander auswirkt.
Hinter einer solchen Veranstaltung steckt natürlich auch das Bestreben, das Kiewer Meer wieder aufzuwerten, das nicht nur von dem Dnipro gespeist wird sondern auch von dem Pripjat, an dem der Unglücksreaktor von Tschernobyl liegt, der die gesamte Gegend verseuchte. Früher war dieser Stausee ein einzigartiges Erholungs- und Urlaubsparadies und der Wohnsitz des ukrainischen Präsidenten liegt an seinem Ufer. So, wie man neuerdings Touristenreisen zum Tschernobyl-Sarkophag anbietet, so will man auch diese gesamte Gegend reaktivieren.
Leider gehört dazu auch, dass man den „Tschernobyl-Status“ dieser Region aufheben will, was für die dort lebenden Menschen ein großes weiteres Unglück darstellte. Sie verlören das Recht auf kostenlose Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, kostenlose Krankenhausbehandlung in ihrer Region und einige kostenlose Medikamente. Die Situation, die wir bei unseren „Medikamentenkindern“ sehen, würde sich dann in noch viel mehr Familien ähnlich ergeben. Es bleibt abzuwarten, ob das Insulin für Diabetiker weiterhin überwiegend kostenlos zur Verfügung stehen wird oder ob dann nicht nur die Messstäbchen für die Messung des Blutzuckerspiegels sondern auch dies Medikament bezahlt werden muss. Das würde eine Katastrophe für viele Familien.
Hatte bei unseren letzten Besuchen die Bautätigkeit in der Ukraine fast brach gelegen, konnten wir jetzt wieder eine rege Bautätigkeit feststellen. Die Wohnsilos in Wischgorod sind nun fast fertig. Es hat aber den Anschein, als würde Geld nur den großen Firmen zur Verfügung stehen. Zu dieser Entwicklung passt überhaupt nicht, dass man die Kleinunternehmer wie die vielen Verkaufsstandbetreiber mit höheren Abgaben belegt, so dass inzwischen viele aufgegeben haben. Es bleibt abzuwarten, ob hier wieder eine neue Schattenwirtschaft im Kleinen entsteht, denn wir haben von einigen Bekannten gehört, dass sie auch von offiziellen Firmen nur mit Schwarzarbeit beschäftigt werden. So können sie zwar kurzfristig durchkommen, aber Krankenversicherung und Rentenvorsorge unterbleiben und Krankheiten können sich rasch zur Katastrophe auswirken.
So sind wir sehr betroffen davon, dass eine der treuen Bereginja-Mitarbeiterinnen, die von Anfang an dabei war und sich sehr einsetzte, nun selbst durch Krebs in eine solche Katastrophe geriet. Sie ist seit dem Tod ihres Mannes allein erziehend, hat keine Eltern oder sonstige Familie und durch die Krankheit ihren guten Arbeitsplatz verloren. Zum Glück ist sie in den engen Freundeskreis von Bereginja eingebunden. Diese Frauen haben ihr selbstlos und kompetent geholfen, damit sie rasch in einer Kiewer Klinik operiert und behandelt wurde und auch wirksame Medikamente erhielt. Sie hat selbst so vielen Menschen durch ihren selbstlosen Einsatz geholfen, dass sie jetzt nicht allein gelassen wird. Natürlich werden auch wir sie nicht allein lassen.
Eine andere Freundin, die sich sehr für Kinder in den Dörfern einsetzt, hat ebenfalls ein großes Unheil getroffen. Sie hat einen Schlaganfall, eine Innenohrentzündung und multiple Sklerose gleichzeitig bekommen, die in starken Schüben verläuft. Wir besuchten sie im Krankenhaus und sahen, wie das korrupte ukrainische Gesundheitssystem im Alltag funktioniert. Ihre jüngste Tochter bleibt aus der Schule weg um ihre Mutter zu versorgen, die ausschließlich medizinisch versorgt wird. Jeder Handgriff, der mit Pflege zu tun hat, unterbleibt, wenn man die Schwestern nicht speziell dafür bezahlt. Nicht einmal der Nachttopf wird ausgeleert und es erfolgt nicht die kleinste Unterstützung, wenn man nicht bezahlen kann. Es gibt weder Frühstück noch sonst ein Essen. Es ist entsetzlich das zu sehen, aber wie verletzend muss es sein, das als Patient erleben zu müssen, wenn man niemanden hat, der für einen da ist oder bezahlt. Andererseits muss man aber auch anerkennen, dass Angestellte im Pflege- oder Arztberuf kaum von ihrem Gehalt leben können.
Umso ungewöhnlicher und bewundernswerter ist das, was unsere Partner im Kreis Wischgorod und in Bila Zerkwa so selbstlos tun. Sie bekommen keinerlei Bezahlung dafür, sondern arbeiten ehrenamtlich wie wir. Im Vergleich zu uns haben sie aber einen deutlich höheren Aufwand, um ihr eigenes Leben zu organisieren. Ehrenamtliche Tätigkeit ist dort also noch viel höher zu bewerten als bei uns.
Wir haben die Freundinnen von Bereginja gefragt, ob sie die Arbeit noch weiter machen können und wollen. Sie erzählten uns, dass sie sich wie ein Frauenklub fühlen. Sie genießen es, wenn der Transport verteilt werden muss und sie abends abgespannt und mit schlechter Laune ins Lager gehen, weil sie dort die Freundinnen treffen und weil die gemeinsame Arbeit sie wieder aufbaut. Sie haben zwar einen Dienstplan für diese Zeit, aber sie sind öfter im Lager als geplant. Außerdem haben sie selbst erlebt, dass der Blick auf Menschen, denen es noch schlechter geht, sie von ihren eigenen Problemen ablenkt und diese relativiert. Sie sind dankbar, diese Aufgabe tun zu können, weil sie in ihrem persönlichen Leben dadurch bereichert sind. In dieser Beziehung sind Deutschland und die Ukraine völlig gleich! Auch wir empfinden, dass unsere Arbeit für die Menschen in der Ukraine unser Leben bereichert.
Bereginja berichtete, dass sie mit dem letzten Transport etwa 500 Familien bedienen konnten. Sie hatten sich vorher die Empfänger zusammengestellt und diese dann einzeln brieflich benachrichtigt. Viele kamen aus den Dörfern des Kreises Wischgorod. Einigen Menschen haben die Verteilerinnen geholfen, damit sie finden
konnten, was sie brauchten. Manche waren einfach überfordert, sich aus der Menge an Kleidung das Richtige heraus zu suchen. Jetzt ist der Mietvertrag für das Lager abgelaufen. Es wurde zwar ein geeignetes neues Lager angeboten, aber das sollte teurer werden. Gisela Steinbach drängte darauf, dass man mit der Kommunalverwaltung reden müsste, dass sie das Lager kostenlos zur Verfügung stellt. Schließlich kommt diese Hilfe der örtlichen Bevölkerung zu Gute. Lena Popowitsch, die Vorsitzende von Bereginja versprach, sich persönlich mit dem Bürgermeister und den Stadtverordneten in Verbindung zu setzen. Es ist nur angebracht, dass die Verwaltung ihre Verantwortung wahrnimmt, wenn die Hilfe schon so selbstlos gegeben und verteilt wird.
Mit Tatjana Safonowa, der Leiterin der Kinderpoliklinik in Wischgorod, sprach Gisela Steinbach alle unsere „Medikamentenkinder“ einzeln durch. Einige fallen aus Altersgründen weg, andere kommen hinzu. Wir werden noch genaue Angaben einschließlich Diagnosen per Mail zugeschickt bekommen. Wie üblich werden alle Sponsoren der Medikamentenkinder ausführlicher informiert. Viele Kinder haben wir besucht, um zu sehen wie es ihnen geht und wie ihnen die Unterstützung aus Deutschland hilft. Es ist sehr ermutigend zu sehen, dass sich Kinder normal entwickeln können, die ohne diese Hilfe keine Chance hätten. Näheres kann man auf unserer Homepage unter „Medikamentenhilfe“ finden.
Ein besonders Erlebnis ragt heraus: In einer Familie, bei der wir einen Jungen unterstützen, der erst kürzlich erfuhr, dass er Diabetiker ist, trafen wir den älteren Bruder Dima. Diesem hatten wir vor 12 Jahren mit einem Hörgerät geholfen, so dass er überhaupt zur Schule gehen und sprechen lernen konnte. Jetzt ist er 19 Jahre alt, ausgebildeter Koch und absolviert zurzeit eine Fortbildung in der Gastronomieschule in Katjushanka. Wir sind richtig glücklich, dass die damalige Hilfe solche Entwicklung ermöglichte. Natürlich hat er nicht mehr dies Hörgerät, sondern inzwischen zwei andere bekommen, die während seines Wachstums erforderlich wurden und die nicht von uns waren; aber wir haben damals diese Entwicklung anstoßen können und das ermutigt uns, weiter zu machen.
In Bila Zerkwa ist man schon gespannt auf unseren nächsten Transport. Die Kinder von Pastor Stepan Levkowitsch Gubatij, dem Koordinator unserer Hilfe dort, wurden in der Schule schon oft gefragt, ob er Papa irgendetwas gesagt hätte, ob das Auto aus Deutschland wieder kommt. Wir haben die letzten Dinge abgesprochen und werden den Transport im Mai abschicken. Stepan erzählte uns, dass die Staatsanwaltschaft im letzten Sommer fast alle der 400 Familien aufgesucht hatte, die Hilfe von uns über ihn bekommen hatten. Man hat sorgfältig nachgeprüft, ob die Familien wirklich das bekommen hatten, was Stepan in seinem Rechenschaftsbericht angegeben hatte und ob die Familien wirklich bedürftig waren. Wir wollen unterstellen, dass diese genaue Prüfung wirklich nur dazu diente, den Missbrauch zu unterbinden und nicht dazu, irgendeinen Anlass zu finden um selbst beim Verteiler kassieren zu können. Wir stellen aber fest, dass das Sozialamt in Bila Zerkwa anscheinend gut arbeitet und Stepan wirklich die bedürftigen Familien nennt. Das beobachten wir jetzt seit Jahren und sind froh darüber.
Auf dem Weg zum Mittagessen in Wischgorod, trafen wir Tanja, die Tochter von Natascha, einer der Betreuerinnen für unsere Kindergruppe. Sie alarmierte sofort ihre Mutter, die dann ganz schnell auf einen Kaffee vorbeikam. Wir waren gerade von Besuchen bei Medikamentenkindern zurückgekommen und die andere Betreuerin Valentina hatte uns als Dolmetscherin begleitet. So hatten wir beide am Tisch und konnten schon einmal die wichtigsten Details für die kommende Kindergruppe besprechen, die im Juni nach Kierspe kommen wird. Die beiden sind schon eifrig dabei Spiele, Lieder und Bastelideen zu sammeln, mit denen sie die Kinder beschäftigen wollen. Wir sprachen ab, was wir dafür vorbereitend beschaffen können, damit sie genügend Material haben. Wir sind sehr froh, diese beiden kompetenten und fröhlichen Betreuerinnen zu haben, die diese Erholungsmaßnahme nicht als eigene Erholungsreise betrachten, sondern wirklich eine Aufgabe an den Kindern sehen. Natürlich werden wir ihnen den Aufenthalt hier so schön und interessant wie möglich machen.
Zu Dritt waren wir auch in Kiew und haben ukrainische Volkskunst besorgt, die wir auf unseren Informationsständen anbieten können. Einen wunderbaren Abend im Kiewer Opernhaus bei „Turandot“ haben wir sehr genossen. An einem anderen Abend trafen wir uns in Kiew in einem typisch ukrainischen Restaurant mit Aleksej, einem der früheren Betreuer der Kindergruppen. Er hatte uns im letzten Jahr ein Video über „seine“ Kindergruppe in Deutschland erstellt, das sehr schön geworden ist und die Reaktion der Kinder auf die verschiedenen Aktivitäten bei uns zeigt.
Lustig ist es immer, wenn wir ahnungslos durch Kiew schlendern und uns dann plötzlich Freunde auf die Schulter tippen. Die Arbeit in unserem Verein hat uns wirklich viele neue Freundschaften gebracht, sowohl in der Heimat als auch 2000 km entfernt.
