Bericht über die Herbstreise von Vorstandsmitgliedern in die Ukraine
Wie in jedem Herbst waren auch in diesem Jahr wieder zwei unserer Vorstandsmitglieder in der Ukraine bei unseren Partnern. Vom 1.10. – 8.10.2011 trafen Sie unsere Partner in Wischgorod, Dymer, Bila Zerkwa und Skwira. Hier ihr Bericht:
Kurz vor unserer Ankunft am 1. Oktober rief Lena uns an und teilte uns mit, dass in dem geplanten Hotel am Nachmittag der Strom ausgefallen wäre und dass wir vorläufig in dem anderen Hotel unterkommen müssten, das wir von früher kannten. Wir ahnten nichts Gutes und wir hatten Recht. In diesem Hotel kann man „Service“ immer noch nicht buchstabieren. Wir bekamen Handtücher auf den Tisch gelegt zusammen mit Bettwäsche, um uns einzurichten. Man entschuldigte sich, wegen der vielen toten Fliegen auf der Fensterbank, fegte sie aber nicht weg. Als jeder sein Bett bezog, merkten wir, dass die Bettwäsche zu klein war. Die „Wolldecken“ waren hart und wärmten nicht. Die Klimaanlage lief nicht und es war kalt.
In vielen Ukrainischen Hotels ist es üblich, dass kein Frühstück gereicht wird, sondern dass eine eingerichtete Küche zur Verfügung steht, in welcher sich der Gast selbst versorgt. Wir waren die einzigen Gäste in diesem „Hotel“, fanden aber weder Besteck noch Geschirr. Als die Frauen unseres Partnervereins „Bereginja“ kamen, um mit uns zu Abend zu essen und unsere Arbeitssitzung zu halten, fanden sie nichts vor und liefen zuerst in den Supermarkt um Plastikgeschirr und –besteck zu besorgen. Sie hatten zwar das Essen mitgebracht, aber von vorhandenem Geschirr waren auch sie ausgegangen. Aber für ein paar Tage schreckt das erfahrene Wischgorod-Reisende nicht wirklich.
Sofort am nächsten Vormittag, der ein Sonntag war, begannen wir mit den Besuchen bei unseren „Medikamentenkindern“. Tatjana Safonowa, die leitende Ärztin der Kinderpoliklinik hatte die jeweiligen Familien vorher verständigt und so wurden wir bereits erwartet.
Wir können bezeugen, dass die Medikamentenhilfe wirklich bei den Kindern ankommt und dass sie ihnen sehr hilft. Manche Kinder können sich fast normal entwickeln, hätten aber ohne diese Hilfe keine echte Entwicklungschance. Die Dankbarkeit der Eltern ist groß. Manchmal waren sie anfangs fast abweisend gewesen, weil sie nicht wussten, was diese Deutschen wirklich wollten. Inzwischen haben sie aber erkannt, dass wir nicht „Hilfsobjekte“ suchen sondern ihnen einfach nur helfen wollen. Wir erklären ihnen auch, wie wir die finanziellen Mittel erhalten und dass es in Deutschland Menschen gibt, die ihnen Gutes tun wollen. Es fällt den Eltern der Kinder schwer, auf Hilfe angewiesen zu sein und ihre Dankbarkeit nur sagen, aber nicht erweisen zu können. Wir können darum oft nicht umhin, eine Pralinenschachtel oder andere kleine Aufmerksamkeiten anzunehmen.
Bei einigen Familien fällt es uns schwer wieder weg zu gehen ohne mehr helfen zu können. Manchmal wird das gesamte regelmäßige Einkommen für die Medikamente oder die Pflege bzw. Förderung der kranken Kinder aufgezehrt. Da ist selbst unsere Hilfe nur eine wesentliche Erleichterung, sie kann aber kein normales Leben ermöglichen.
Am Abend des ersten Tages in Wischgorod halten wir immer unsere gemeinsame Arbeitssitzung mit den Frauen von „Bereginja“. Wir brauchen diese Treffen, denn auch die Frauen dort treffen sich kaum, wenn keine konkrete Arbeit ansteht. Jeder ist so sehr mit der Organisation seines Lebens befasst, dass unsere Besuche erforderlich sind, um den Zusammenhang aufrecht zu halten. Diese Sitzung ist natürlich mit einem gemütlichen Abendessen verbunden und ein zentraler Punkt unserer gemeinsamen Arbeit.

Wir besprachen die letzte Kindererholung in Deutschland mit ihren schönen und mit ihren schwierigen Seiten. Man darf nicht vergessen, dass die Hilfe, die wir den Kindern geben, für uns und unsere Partner in Wischgorod oft sehr harte und nervenaufreibende Arbeit ist. Was für die Kinder ein schönes Erlebnis ist, geht für die Mitarbeiter manchmal bis an die Grenze der Kraft. Gut, dass wir gemeinsam beraten und nach Lösungen für Probleme suchen können. Für das nächste Jahr sucht Bereginja nach jemandem, der die Abwicklung der Visa-Angelegenheiten übernehmen kann. Für Irina ist es endgültig nicht mehr machbar, weil sie nicht mehr die Nerven dazu hat und ihr außerdem die erforderlichen technischen Mittel fehlen. Der nächste Hilfstransport steht an und da in der Ukraine viele Änderungen bei der Zollabwicklung eingetreten waren, erörterten wir auch dies Thema ausführlich. Natürlich wurden unsere Medikamentenkinder einzeln mit Tatjana Safonowa durchgesprochen, die uns vor Ort eine unersetzliche Hilfe ist. Ohne sie wäre dieser Teil unserer Arbeit nicht durchführbar. Dascha hat uns wieder mit ihren Übersetzungskünsten geholfen. Sie ist immer sehr aufgeregt, weil sie denkt, dass sie ihr Deutsch vergessen hat, aber sie macht es jedes Mal hervorragend, zumal sie die Arbeit genau kennt.
Leider bleiben auch unsere Freunde nicht von schweren Krankheiten verschont, bei denen man nie weiß, ob sie eine Folge von Tschernobyl sind. Sie stärken und stützen sich gegenseitig und arbeiten nach Kräften gemeinsam weiter.
An den beiden folgenden Abenden waren wir bei einigen Freunden eingeladen und konnten mit Freude sehen, wie gut sich ihre Kinder und Enkelkinder entwickeln. Es ist wunderbar, dass wir die Entwicklung der ehemals kleinen Jungen und Mädchen zu reifen Vätern und Müttern sehen können.
Die nächsten Tage waren mit Besuchen in Dymer, Katjushanka und bei unseren Medikamentenkindern in einem Umkreis von 60 km ausgefüllt. Als Übersetzer half uns meist Aljoscha Doroschenko, der uns bei unseren Besuchen immer wieder hilfsbereit zur Seite steht. Seine Sprachfähigkeiten sind ganz wichtig für uns.
An einem Tag hatte uns Wladimir Reschetnjak, der Bürgermeister von Wischgorod, zu einem kurzen Gespräch eingeladen. Seit er Bürgermeister ist, können wir eine deutliche Entwicklung der Stadt Wischgorod erkennen, die den Menschen zugutekommt. Er bedankte sich für die Hilfe, die wir nun seit fast 20 Jahren in Wischgorod leisten und versprach, Bereginja das Lager für die Hilfsgüter für weitere drei Jahre kostenlos zur Verfügung zu stellen. Begleitet wurde dieser Besuch von der örtlichen Presse und dem Lokalfernsehen.
Herr Reschetnjak hatte es geschafft, ein internationales Speed-Boot-Rennen nach Wischgorod auf das Kiewer Meer zu holen, das nun alle 5 Jahre dort ausgetragen werden soll. Für dies Ereignis hatte Wischgorod zusätzliche Gelder erhalten, um die Stadt herauszuputzen. Viele Stellen sind nicht mehr wiederzuerkennen. Es wurden neue Denkmäler aufgestellt für die „Ortsheiligen“ Boris und Gleb sowie für die Liquidatoren von Tschernobyl. Bestehende Denkmäler wurden restauriert und schön hergerichtet. Alle Spielplätze sind inzwischen erneuert und zusätzliche eingerichtet. Am Kiewer Meer wurde eine Art Naherholungsgebiet eingerichtet, das sehr gut von der Bevölkerung angenommen wird.
In Kiew wirft die Fußball-Europameisterschaft ihre Schatten voraus. An vielen Stellen wird gebaut und verschönert. Es wird sich lohnen, im nächsten Frühjahr die Gastelternreise mitzumachen.
Am 6. 10. brachen wir nach Skwira und Bila Zerkwa auf. Wir trafen als ersten Aleksandr Levtschenko mit seiner Frau Julija die uns erzählten, dass sie in die Nähe von Vinnytsa umgezogen sind. Aleksandr wird aber seine Arbeit in Skwira noch einige Jahre weitermachen, bis fähige Mitarbeiter herangebildet sind, um sie weiter zu führen. Er kümmert sich dort um Familien mit Suchtproblemen. Sein Traum ist es, ein Rehabilitationszentrum für Suchtkranke zu betreiben. Bei diesem Besuch half uns wieder Lena Kosyak mit ihren Sprachkenntnissen, die kurz vor ihrem Promotionsabschluss steht und einen kleinen Lehrauftrag an der Agrar-Universität in Bila Zerkwa hat.
In Bila Zerkwa erzählte uns Stepan Gubatij von seinen Problemen beim letzten Hilfstransport im Juli. Wir hatten ihm erhebliche Schwierigkeiten verursacht, weil die Gewichtsangabe der Lieferung sich nicht mit dem Wiegeergebnis des LKW deckte. Wir hatten versucht, dies mit neuen Papieren zu korrigieren und irgendwie hat er es dann geschafft, alles durch den Zoll zu bekommen. Die Verteilung ist inzwischen abgeschlossen und mehr als 300 Familien haben von der Hilfe profitieren können. Er übergab uns eine CD mit Bildern der Verteilung. An den Bildern kann man erkennen, mit welcher Liebe und welchem Einsatz die Freunde in Bila Zerkwa die Hilfsgüter verteilen. So gut es ging haben sie den primitiven Lagerraum nett gestaltet und alles freundlich hergerichtet. Manche Menschen, die sich nicht herein trauten, haben sie zuvorkommend beraten und ihnen geholfen, die passenden Sachen zu finden. Die Bilder vermitteln eine wunderbar freundliche Atmosphäre.

Wir besuchten am Nachmittag einige der Familien in Bila Zerkwa und in den umliegenden Dörfern, die Hilfe bekommen hatten. Wir konnten uns von der äußerst schwierigen Lebenssituation dieser Familien selbst überzeugen. Man kann verstehen, wenn eine Mutter von 6 Kindern verzweifelt, weil sie in zwei kleinen verfallenen Zimmern ihr Leben nicht mehr in den Griff bekommt. Für diese Familien ist die Hilfe nicht nur materielle Unterstützung sondern gleichzeitig Ermutigung und ein Zeichen, dass sie nicht vergessen sind. Diese Zuwendung gibt ihnen einen kleinen Hoffnungsschimmer. Es ist auch erstaunlich, welche Hilfe die kleine Kirchengemeinde für solche Familien leistet, in der Stepan Pastor ist. Vielleicht liegt es an seiner praktischen und zupackenden Art, denn er ist im Hauptberuf Bauarbeiter für alle anfallenden Gewerke. Pastor ist er nur ehrenamtlich.
Die Ukraine geht zurzeit einen unguten Weg. Der Staat ist korrupt, Präsident Janukowitsch setzt seine Gefolgsleute an die Schaltstellen um seine Stellung zu festigen. Die Menschen interessieren nicht. Die Straßenmärkte, auf denen die einfachen Menschen etwas Geld mit eigenen Produkten erzielen konnten, werden beschnitten und zurück gedrängt. Es soll alles groß und gut aussehen; die Wirklichkeit ist uninteressant. Die Arbeitslosigkeit ist selbst bei Handwerkern sehr groß. Viele Menschen ziehen aus den Städten in die Dörfer und heben damit die Preise für die normale Lebenshaltung stark an, so dass die alt eingesessenen Menschen in den Dörfern nicht mehr klar kommen.
Wir sind mit unserer Arbeit für einige Menschen der letzte Hoffnungsstrahl, dass sie nicht vergessen sind. Wir müssen einfach weitermachen.
