Kiew - Wischgorod – Katjuschanka
Gasteltern des Vereins "Kinder von Tschernobyl" besuchen die Ukraine
Während ich die Räume des Tschernobyl-Museums im Kiewer Podil-Viertel durchwandere,
beschleicht mich ein seltsames Gefühl der Unwirklichkeit. Oft habe ich von dieser Katastrophe, die
sich am Morgen des 26. April 1986 ganz in der Nähe abspielte, gehört und mich aus der Distanz
geängstigt, aber nie habe ich gedacht, dass ich einmal so hautnah mit der Erinnerung an dieses
Ereignis konfrontiert würde wie an dieser Stätte, über deren Eingangstreppe die Ortsschilder der
evakuierten "Geisterstädte" hängen und in deren. Räumen die persönlichen Habseligkeiten der
Betroffenen - die Spielsachen der Kinder und die Fotos und Personalausweise der gestorbenen
Feuerwehrleute - das Geschehen aus der Anonymität lösen. Der Videofilm, in getragener, fast
poetischer Weise kommentiert, wirkt an diesem Ort ungemein eindringlich, obgleich wir die Sprache
des Kommentators nicht verstehen. Den Altar aus einer Kirche der Region flankiert zur Linken ein
Engel, zur Rechten das Bild eines jener "Liquidatoren", die bei den Aufräumarbeiten ihr Leben
einsetzten. Einen Augenblick lang frage ich mich, wie es mich aus der relativ heilen Welt des
Sauerlandes hierher verschlagen konnte. Die Antwort ist klar: Der Vorstand des Vereins "Kinder von
Tschernobyl", der in mehreren Orten in der Umgebung zusammen mit dem ukrainischen
Partnerverein "Bereginja" seiner Organisationsarbeit nachgeht, hatte angeregt, dass einige
"Gasteltern" oder "Medikamentenpaten", betreut von erfahrenen Vorstandsmitgliedern, die Heimat
"ihrer" Kinder sozusagen als interessierte Touristen kennen lernen sollten.
Das Denkmal, das man mit dem Tschernobyl-Museum den vielen unbekannten Opfern des
Unglücks gesetzt hat, reiht sich ein in einen langen Reigen von Monumenten, mit denen Kiew
seiner diversen weltlichen oder religiösen, legendären oder historisch bezeugten Helden gedenkt:
Ob Fürstin Olga, die sich als erste taufen ließ, oder Jaroslaw der Weise, ein Förderer von Stadt
und Kultur, ob der Kosak Mamaj mit Pferd und Bandura oder der Nationaldichter Taras
Schewtschenko (nicht Andrej, der Fußballspieler), nicht zu vergessen die 62 m große und sehr
wehrhaft ausgerüstete "Mutter Heimat" - sie alle und viele mehr blicken von hohen Sockeln herab
auf das bunte Treiben ihrer Stadt.
Denn Kiew ist eine dynamische Stadt, die dem Namen ihres bekanntesten Fußballvereins alle
Ehre macht. Ganz westlich fühlt sich der Besucher, wenn er auf mehrspuriger Autobahn an
amerikanisch anmutenden Reklametafeln und Anzeigern von Uhrzeit sowie Luft- und
Asphalttemperatur vorbei vom 40 km entfernten Flughafen Borispol im Kleinbus auf die Stadt
zubraust. Auch Luxusautos, teils deutscher Provenienz, kommen ihm vertraut vor. Ein Blick auf die
abgenutzten Sitze und die blauen Gardinchen seines eigenen Transportfahrzeugs vermittelt ihm
schon etwas mehr Lokalkolorit. Auch bemerkt er bei der Weiterfahrt in die nahe Kleinstadt
Wischgorod eine beträchtliche Anzahl von Autofahrern, die am Straßenrand ihr Gefährt,
keineswegs eine Luxuslimousine, zu reparieren versuchen. Dynamische Bewegung herrscht auch
in den Fußgängerbereichen. Erstaunlicherweise scheinen hier in Kiew noch mehr junge - und
zunehmend auch ältere - Leute als in Deutschland in der Lage zu sein, bei flotter Gangart per
Handy ihre Geschäfte oder Plaudereien mit unsichtbaren Partnern abzuwickeln. Auch sorgen
Handy-Töne in Form von kleinen Musikstücken gelegentlich für etwas akustische Aufmunterung in
stillen Kloster- und Kirchenmauern. Äußerst lebhaft geht es auch in den großen
Selbstbedienungsrestaurants her, die sich nicht auf das übliche MacDonald-Sortiment
beschränken, sondern durchaus einheimische gastronomische Produkte wie Schaschliks, Blini,
Vareniki oder Borschtsch anbieten. Wenn dann am Sonntagnachmittag der Kreschtschatik, der
breite Prachtboulevard, für den Verkehr gesperrt ist und sich in eine Flaniermeile verwandelt, dann
stöckeln die Damen auf ellenhohen Absätzen - passend zum knappsten aller Miniröckchen - so
energisch einher, dass wir Anorak-Westler mit unserem gemächlichen Schlenderschritt ein
bisschen ziellos und unentschlossen wirken.
Vorwärtsdrängend und dynamisch gibt sich der Kiewer auch in der Metro, die mit ihren drei Linien
sehr übersichtlich und stark frequentiert ist. Zu ihrer Beliebtheit trägt natürlich der Preis bei: ein
Chip, mit dem man beliebig lange "unter Tage" herumreisen kann, kostet 50 Kopeken, etwa sieben
Cent. Viereinhalb Minuten dauert angeblich die Rolltreppenfahrt hinunter zur tiefsten Metrostation
Europas am Arsenalplatz. Von einer der Metroendstationen aus fahren in rascher Folge Busse
gelb, alt und rumpelig, aber sehr effektiv- in Richtung Wischgorod. Zwei Parallelschlangen bilden
sich: die linke besteht aus Passagieren, die unbedingt einen Sitzplatz wünschen. Sind alle
Sitzplätze besetzt, drängen von rechts die "Steher" nach und füllen den Bus so auf, dass
manchmal von außen nachgeschoben werden muss, damit sich die Türen schließen lassen. An
einigen Haltestellen baut sich außerdem noch die Schlange der "Anhalter" auf, die für eine geringe
Gebühr von Privatautos befördert werden.
Wie erstaunt waren wir, die wir unseren finanziellen Besitz bisher angsterfüllt in Brustbeuteln und
Bauchtaschen vor fremdem Blick und Zugriff zu bewahren suchten, als uns der Busfahrer einige
irrtümlich zu viel gezahlte Hrywnja (diese Währung ist ein Zungenbrecher') von Hand zu Hand
durch den ganzen Bus zurückreichen ließ. Wir stellten bald fest, dass diese Methode des
Geldaustausches in beiden Richtungen durchaus gängig war und problemlos funktionierte.
Wäre Kiew nur modern und der Wirklichkeit zugewandt, so wäre es mit jeder anderen Metropole
vergleichbar. Aber da ist die Vielzahl der Kirchen und
Klöster mit ihren goldenen Kuppeln und den herrlichen
Fresken im Inneren. Zugegeben, auch die Kirchen wirken
betont weltstädtisch. Die Kuppeln der Sophienkathedrale
sind makellos golden, die Außenwände der wieder
erbauten Michaelkirche eine Spur zu himmelblau und die
Touristenbetreuung im Höhlenkloster mit seinen
mumifizierten Mönchen ist sehr kommerzialisiert. Aber die
meisten Besucher von Kiews Kirchen sind keine Touristen.
Scharen von Gläubigen schreiten am Palmsonntag an der
Reihe der "Palmzweig"-Verkäufer vorbei zum Gottesdienst.
Als wir am orthodoxen Ostersamstag auf jener
mehrspurigen Autobahn zum Flughafen zurückfuhren,
bewegte sich auf dem Seitenstreifen ein Prozessionszug
stadteinwärts. Ein Pope begleitete ihn, und ein großes
Holzkreuz wurde voran getragen.
Kiew haben wir besucht, aber in Wischgorod, etwa 15 km nördlich, haben wir gewohnt. Hier hat
das weltstädtische Flair ein Ende. Monumentale Plätze, Heldendenkmäler, ausgedehnte Parks und
farbenfrohe Kirchen sind vergessen beim Anblick der
Plattenbauten aus der Sowjet-Ära. Allerdings sind auch
einige Neubauten entstanden, und frisches Grün und
blühende Bäume mildern die Trostlosigkeit der grauen
Mauern und der voll gestopften Balkone - sogar ein
Fahrrad hat seinen "Parkplatz" an der Außenwand eines
Balkons gefunden. Der berüchtigte deutsche
Ordnungssinn wird empfindlich gestört durch Müll und
Gerümpel an vielen Straßenrändern. Man hätte sich das
resolute Einschreiten unserer Müllabfuhr gewünscht und
ist fast erstaunt, dass im Inneren der Häuser und
Restaurants meistens Ordnung und Sauberkeit
herrschen. Die Straßen, die auch an schönen Tagen,
vor allem bei Dunkelheit, halsbrecherische
Fallen bereithalten, verwandeln sich bei Regen in Pfützenlandschaften, so dass mehrere Mitglieder
unserer Gruppe im Hinblick auf ein erneutes abendliches Pfützenspringen in Richtung
Bushaltestelle ihre Karte für eine Ballettaufführung im Kiewer Opernhaus verfallen ließen. Das war
schade, denn die klassisch-schöne Aufführung von Prokofjews "Romeo und Julia" in der
Atmosphäre des reich dekorierten Theaters entschädigte für die sportliche Anstrengung.
Es waren jedoch nicht die kulturellen Höhepunkte, die mich auf dieser Fahrt am meisten berührt
haben, sondern es waren die Kontakte mit den Menschen, die uns durch Olga, eine junge
russlanddeutsche "Gastmutter" aus unserer Gruppe, sprachlich vermittelt wurden. Unermüdlich hat
Olga für uns hin und her übersetzt. Ich erinnere mich an den grauhaarigen Herrn im Restaurant,
der uns mitteilen ließ, dass seine Mutter zu den zahlreichen Zwangsarbeitern gehört habe, die
während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland arbeiteten. Vor einigen Jahren habe sie vom
deutschen Staat eine Entschädigung dafür erhalten, und es sei ihm ein Bedürfnis, den Deutschen
seine Anerkennung für diese Maßnahme auszusprechen. Auch denke ich an das junge Mädchen
in Kiew, das unbedingt Deutsch mit uns sprechen und uns sagen wollte, wie gut ihm sein Aupair-
Aufenthalt in Moers gefallen habe. Notlagen stärken den Gemeinschaftssinn. Die Frauen des
Partnervereins sind hilfsbereit und erfinderisch, wenn es um das Wohl ihrer Gäste geht. Wir
bekommen kein Frühstück im Hotel? Aber Oxana, eine von ihnen, arbeitet doch als Köchin in
einem Café! Sie wird benachrichtigt und deckt uns allmorgendlich einen einladenden
Frühstückstisch, sich fröhlich radebrechend nach unseren Wünschen erkundigend, nachdem das
ukrainische Frühstück in Form von Reis, Hühnchen und Weißkohl am ersten Morgen nicht den
gewünschten Zuspruch fand. Es ist zu kalt im Hotel? Also wird ein fahrbarer elektrischer Heizofen
in unsere Zimmer geschoben.
Übrigens hinkt die Hotelkultur noch ein wenig hinter den schon recht westlichen Preisen her. Die
Tatsache, dass wir unsere Betten selbst beziehen mussten, interpretierten wir als typisch
ukrainische Sitte. Ein frisches Handtuch und eine neue Rolle Toilettenpapier gab man uns auf
Anforderung gern und mit freundlichem Lächeln. Mit bekümmertem Blick registrierte die
"Administratorin", dass an einem Regentag lebhafte Bächlein durch die undichten Fensterrahmen
in eines unserer Hotelzimmer rannen. Mit Eimern und Putzlappen rückte man dem Übel zu Leibe.
Die tiefsten Eindrücke, die wir auf dieser Fahrt gewannen, verbinden sich aber doch mit den
"Kindern von Tschernobyl". In Ludas Familie, auf einem Bauernhof in dem Dörfchen Demidew,
lernten wir die bekannte ukrainische Gastfreundschaft
kennen. Ursprünglich sollten dort nur die "Gasteltern"
"ihr" Kind besuchen. Aber dann wurden auch wir
restlichen Fünf an den gedeckten Tisch gebeten und
nicht eher entlassen, bis wir den aufgetischten
Köstlichkeiten - als Krönung eine unverschämt leckere
Buttercremetorte - reichlich zugesprochen hatten.
Während der Vater und Luda mit ihren fünf
Geschwistern im Hintergrund blieben, bediente uns die
Mutter unentwegt und unter fröhlichem Geplauder. Wir
schwatzten ebenso munter auf Deutsch, und bald
nahmen wir gar nicht mehr wahr, dass inhaltlich
niemand außer Olga die Gegenseite verstand.
Aber nicht alle Patenkinder leben in so relativ günstigen Verhältnissen wie Luda. Drei der Kinder
wohnen in kommunalen Wohnheimen in Wischgorod und Katjuschanka. Ihr Familienleben spielt
sich in einem etwa 25 m' großen Schlaf-Wohnraum ab.
Küche, Toiletten und Duschen teilt man sich mit den
Bewohnern der ganzen weiträumigen Etage. In einer
solchen Einraumwohnung lebt beispielsweise die
zehnjährige Nastja zusammen mit ihrer Mutter, dem
Stiefvater, einem dreijährigen Bruder und ihrer Baby-
Schwester. Obwohl wir diese Familie unangemeldet
besuchten, war die Wohnung trotz der bedrückenden Enge
ein Muster an Ordnung und Sauberkeit. Voller Stolz
berichtete die Mutter, dass Nastja gerade eine Prüfung an
der Musikschule bestanden habe. Sie holte eines der beiden
auf dem Kleiderschrank deponierten Akkordeons herunter,
und Nastja spielte uns ohne Protest und Ziererei einige
Lieder. Das sind Momente, in denen man all diesen Kindern
von Herzen eine bessere Zukunft wünscht.
"Prichoditje ischtschjo - kommen Sie wieder!" sagte Lena, die Organisatorin des ukrainischen
Partnervereins, als sie jedem von uns zum Abschied einen Osterkuchen überreichte. Wer weiß?
Lust dazu hätten wir sicherlich.
Ingeborg Weiß
